Nachlese Digitalisierung und Pflege

Digitalisierung und Pflege

Im Rahmen der Fortbildungsveranstaltung Digitalisierung und Pflege am 20. November 2019 in Wien hielten DGKP Karin Eder, BSc/MSc; Doz. (PD) Univ.-Lektor Dr. Andreas Klein und OÄ Dr. Susanne Kallich spannende Vorträge mit den Titeln „Alter, Würde und der digitale Wandel“, „Neue Technologien, Digital Health, Telemedizin“ und „Neue Technologien in der Rehabilitation: Therapieempfehlungen am Beispiel der multiplen Sklerose“.

Viele Experten sind davon überzeugt, dass einige der Herausforderungen, die durch den demografischen Wandel entstehen, mit dem Einsatz technischer Geräte bewältigt werden können. Die ältere Bevölkerung besitzt jedoch oftmals keine ausreichende digitale Kompetenz und ist somit aus dem digitalen Leben sowie den digitalen Diensten ausgeschlossen. Es besteht also ein dringender Bedarf, die digitale Umgebung in eine proaktive Umgebung zu verwandeln, die auch ältere Menschen miteinbezieht, führt DGKP Karin Eder, BSc/MSc aus.
Sogenannte Ambient-Assisted-Living-(AAL-)Systeme sind „altersgerechte Assistenzsysteme für ein umweltgerechtes, gesundes und selbstbestimmtes Leben“. Diese Assistenzsysteme sind direkt in das Lebensumfeld eingebaut, werden an die spezifischen Bedürfnisse der Anwender angepasst und steigern so die Lebensqualität. Dadurch kann der Alltag sicherer und angenehmer gestaltet werden, um möglichst lange ein selbstständiges, selbstbestimmtes sowie sozial integriertes Leben zu führen.
Der Einsatz von AAL-Tools und Smart Home-Systemen kann auch als Unterstützung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen dienen. Insbesondere in dieser schutzbedürftigen Gruppe ist es erforderlich, die ethischen Aspekte des Einsatzes digitaler und intelligenter Werkzeuge zu berücksichtigen. Als Problem wurde hierbei angesprochen, dass Informationen häufig nur über das Internet veröffentlicht werden, und ältere Personen so keinen Zugriff darauf haben.
„Wir müssen uns darauf konzentrieren, wie wir die Zukunft im Sinne von Vertrauen, Inklusion, Offenheit und Sicherheit so gestalten können, dass digitale Technologien und Netzwerke es den Menschen ermöglichen, ein bewusstes, freies, verantwortungsbewusstes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Politik, Verwaltung, die Medien und die Wirtschaft müssen sich diesbezüglich positionieren“, schlussfolgerte DGKP Karin Eder, BSc/MSc.

Doz. (PD) Univ.-Lektor Dr. Klein sprach über das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen und den damit verbundenen Änderungen, die in Zukunft auf uns zukommen. Eine Vielzahl von Gesundheits-Apps und Technologien ist momentan bereits verfügbar: Mit Hilfe von Sensorik und Tracking-Technik können Vitalparameter schnell und einfach abgerufen werden. Epidermale Elektroniksysteme liefern mittels auf die Haut aufgeklebter Sensoren Informationen über Gesundheitsdaten. Auch Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Brillen kommen vermehrt im Rahmen von Therapien oder auch in der Ausbildung zum Beispiel bei Operationen zum Einsatz.
Die sogenannte Telemedizin, die in der Schweiz bereits erfolgreich eingesetzt wird, ist mit zahlreichen Vorteilen für Krankenhäuser, Patienten und die Gesellschaft verbunden, wie beispielsweise Kostendämpfung und passgenaue Patientenbetreuung sowie die Vermeidung von Mehrfachuntersuchungen und unnötiger Wege. Über Video-Telefonie kann eine Patienten-Vorselektion erfolgen, wodurch über 70 % der Erstarztbesuche eingespart werden können, so Doz. (PD) Univ.-Lektor Dr. Klein.
Der Einsatz von Robotern mit künstlicher Intelligenz wird unter anderem im Pflegebereich sowie bei Operationen untersucht. Spannende Entwicklungen sind auch in den Bereichen 3D-Druck (Bioprinting), personalisierte Medizin oder Gentherapie zu erwarten. Zusammenfassend ist es wichtig, die Chancen und Risiken der Digitalisierung kritisch abzuwägen, um eine zielgerichtete Anwendung zu ermöglichen.

Die Neurologin und Rehabilitationsmedizinerin OÄ Dr. Susanne Kallich berichtete über die Anwendung neuer Technologien am Beispiel der multiplen Sklerose. Die Erkrankung ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht heilbar, ihr Verlauf kann aber durch Medikation sowie Bewegungstherapie positiv beeinflusst werden. Ein klassischer Rehabilitationsaufenthalt dauert vier bis sechs Wochen und der Hauptfokus liegt dabei auf Physiotherapie und Trainingstherapie. Anhand einer Einschätzung zu Beginn der Therapie wird ein individuell auf den Patienten abgestimmtes Programm erstellt. Dabei stehen Gehen, Ausdauer und Krafttraining sowie Gleichgewichtstraining im Mittelpunkt. In späteren Krankheitsstadien kommt auch Roboter-assistierte Therapie zum Einsatz. Dazu stehen uns im Moment Endeffektor Geräte zur Verfügung, wie der Gait Trainer, welcher im Vergleich zu konventionellem Laufbandtraining zu einer signifikanten Verbesserung der Gehfähigkeit und der Gangausdauer führt. Der zweite Ansatz ist der Lokomat als ein Therapiesystem mit Roboter-gesteuerten Gangorthesen, gedacht für Patienten, die rollstuhlpflichtig sind. Der Lokomat ermöglicht Patienten ein physiologisches Gangbild zu erlernen. Durch eine ständige repetitive Wiederholung von Schritten in gleichbleibender Qualität und ohne Ermüdungserscheinungen kann eine deutliche Verbesserung der Gehfunktion erreicht werden. Mobile Exoskelette als Alternative kommen hauptsächlich als Therapiegeräte zum Einsatz, werden jedoch auch schon für den zukünftigen Einsatz als Heimgerät getestet. Roboter unterstütztes Training wird zwar immer wichtiger, das bedeutet aber nicht, dass Physiotherapeuten durch die Robotersysteme ersetzt werden – vielmehr sind sie als Add-on zu sehen.
OÄ Dr. Susanne Kallich berichtete zudem von den vielfältigen Möglichkeiten der Telerehabilitation, mit welcher längerfristige Rehabilitationserfolge durch digital unterstützte, interaktive Systeme erzielt werden sollen. Diese Ergänzung der (ambulanten) Rehabilitation könnte somit einer „telematisch assistierten Rehabilitations-Nachsorge“ dienen.

Wir danken Roche für die Unterstützung bei dieser Veranstaltung.

 

 

 

Beitragsbild: ©sfu Wien

 

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